14.06.2024

"Mein größter Erfolg ist das schnelle Internet"

Herbert Kraus verabschiedet sich nach der Kommunalwahl als Altenbacher Ortsvorsteher. Am heutigen Samstag wird er 80 Jahre alt.

Von Micha Hörnle

Schriesheim-Altenbach. Zehn Jahre Ortsvorsteher, 25 Jahre Stadtrat, 40 Jahre Ortschaftsrat – und nicht zuletzt fast 20 Jahre Hausarzt in Altenbach: Herbert Kraus hat eine Menge erlebt – und zu erzählen. Am heutigen Samstag wird er 80 Jahre.

Kraus kam am 1. Juni 1944 im böhmischen Eisendorf zur Welt. Als er zwei Jahre alt war, wurde seine Familie vertrieben, sie kam über Karlsruhe nach Eisingen bei Pforzheim. Dort blieb Kraus bis zu seinem zwölften Lebensjahr, bis seine verwitwete Mutter – sein Vater war 1948 an den Folgen seiner Kriegsverletzung gestorben – ins nahe Eutingen, heute ein Stadtteil von Pforzheim, weiterzog. Später ging er auf ein Internat in Königstein (Taunus), wo er 1965 sein Abitur machte. Danach studierte er Medizin in Erlangen, "aber damals musste man sein Examen unbedingt in Heidelberg machen". Und hier lernte er auch seine Frau Wiebke kennen, mit der er "ein Jahr lang ohne Trauschein zusammenlebte, um zu schauen, ob wir zueinander passen. Meine katholische Mutter war davon gar nicht begeistert".

Aber die beiden passten zusammen und suchten eine Bleibe: "Schon damals waren die Wohnungen in Heidelberg sehr teuer, irgendwann nahm ich einen Zirkel und zog einen Kreis mit 20 Kilometern Radius um Heidelberg. Dann klapperte ich alle Orte ab. Irgendwann war ich dann in Altenbach und war von dem Dorf sofort fasziniert." Das lag auch daran, dass Altenbach relativ verkehrsgünstig liegt: "Ich war schnell im Krankenhaus", er hatte damals eine Assistentenstelle in der Rohrbacher Thorax-Klinik. Also ging er ins Rathaus des noch selbstständigen Ortes, in dem Ratsschreiber Helmut Jörder saß. Der wusste am besten, was im Dorf los war und wo etwas frei war – und von ihm bekam Kraus den Tipp, dass ein Haus in der Eichelbergstraße neu gebaut worden war. Also bezog das Ehepaar Kraus am 3. Juni 1970 die Einliegerwohnung. Mit der Geburt der drei Kinder Michael, Martin und Christina wurde diese zu klein, daher baute sich die Familie 1978/79 ein Haus in der Neuen Anlage.

Als Kraus vor 54 Jahren nach Altenbach zog, war manches anders als heute: Es gab noch vier Kaufläden, zwei Metzger und vier Gastwirtschaften, von Post und Banken ganz zu schweigen: "Das ist eine Infrastruktur, wie wir sie uns heute nur wünschen können. Alles ist total weggebrochen", sagt Kraus heute. Vor allem steckte aber das Dorf mitten in der Eingemeindungsdebatte, bei der die Wogen hochgingen, an der sich Kraus aber nicht beteiligte: "Ich selbst war damals völlig apolitisch, ich war mit dem Krankenhaus voll und ganz beschäftigt – und hatte im Prinzip keine Meinung dazu", sagte er einmal 2022 im RNZ-Interview. Schließlich entschied sich die Mehrheit für Schriesheim.

Kraus hatte inzwischen seinen Internisten-Facharzt gemacht, und nach Stationen in mehreren Krankenhäusern, zuletzt in Eberbach, machte er sich 1984 als Allgemeinarzt selbstständig. Damals hatte Metzger Karl Fitzer neu gebaut und wollte ursprünglich einen Laden im Erdgeschoss einrichten, aber dagegen gab es von den anderen Kaufleuten im Ort Widerstände, wie sich Kraus erinnert, also ging er mit seiner Hausarzt-Praxis rein.

1984 war auch das Jahr, in dem er sich erstmals kommunalpolitisch engagierte, damals warb ihn Edwin Jakob: "Eigentlich wollte ich in keine Partei. Aber ich informierte mich und fand heraus, dass die Freien Wähler die größte Bürgerinitiative in Baden-Württemberg sind", sagt Kraus heute. Also trat er bei der Ortschaftsratswahl an – auf dem zehnten Platz. Er wurde aber auf den dritten Platz gewählt "und bekam fast einen Schreck". 1989 zog er schließlich auch in den Schriesheimer Gemeinderat ein (und holte für die Altenbacher Freien Wähler den Sitz zurück).

In dieser Zeit gärte es in der Altenbacher CDU: Eine Gruppe "junger Wilder" (Kraus) wie Alfred Burkhardt, Hans-Peter Pröll und Walter Schmich war mit der Politik von Ortsvorsteher Emil Jörder nicht mehr einverstanden und gründete später eine eigene Liste. Einer der Gründe war Jörders loyale Haltung Peter Riehl gegenüber, der 1989 die Sperrung der in Teilen unterspülten Talstraße angeordnet hatte: Während die Branich- und Schlossbergbewohner über den Branich fahren durften, war das den Altenbachern verwehrt, die sich als "Schriesheimer zweiter Klasse" fühlten. Die neue "Altenbacher Liste" der CDU-Abweichler wurde 1989 mit drei Sitzen die größte Fraktion im Ortschaftsrat. Zwar blieb Jörder noch Ortsvorsteher, aber Burkhardt wurde zu seinem Stellvertreter. Als 1993 Burkhardt und Pröll aus der CDU formell ausgeschlossen worden waren, kam es dann zur gemeinsamen Liste mit den Freien Wählern, die es heute auch noch gibt. 1994 wurde Burkhardt Ortsvorsteher, 20 Jahre später folgte ihm Kraus nach und gab seinen Gemeinderatssitz auf.

Das harte Ringen in der Kommunalpolitik blieb den Altenbachern erhalten: Waren es zunächst die Altenbacher Liste/Freie Wähler, die sich mit der CDU beharkte, folgte später die Dauerfehde von Freien Wählern und Grüner Liste – und insbesondere zwischen Herbert Kraus und Christian Wolf. Den Ursprung sieht Kraus in dem Ergebnis der Ortschaftsratswahl 2014: Nachdem die Grüne Liste bei der Kommunalwahl erstmals stärkste Kraft geworden war (wenn auch nicht in Altenbach), wollte Wolf als Ortsvorsteher oder wenigstens als Stellvertreter kandidieren. Kraus fragte Karl Reidinger (CDU) und Karin Malmberg-Weber (SPD): "Wollt Ihr Wolf oder mich?", und schlug Reidinger als seinen Stellvertreter vor: "Solche Absprachen sind nichts Unrechtmäßiges, auch wenn es Wolf moralisch zugestanden hätte, Stellvertreter zu werden. Das konnte Wolf absolut nicht verwinden. Und 2019 war es dann dasselbe", erklärt Kraus.

Vor fünf Jahren war die Grüne Liste bis auf wenige Prozentpunkte an die Altenbacher Liste/Freie Wähler herangerückt (37,2 zu 38 Prozent und jeweils vier Sitze), die Auseinandersetzungen nahmen an Schärfe eher noch zu – siehe Spielplatz. Dass es mit dem so lange gedauert hat, ist für Kraus eine der bittersten Erfahrungen: "Das hätte nicht sein müssen. Wir hätten längst einen Spielplatz, wenn der Sache des Ortschaftsrats geblieben wäre." Ihn selbst hätten die Auseinandersetzungen wenig angehabt: "Ich bin schon so lange in der Politik, da bekommt man ein dickes Fell." Den "absolut größten Erfolg" (Kraus) sieht er hingegen im schnellen Internet: "Das ist für Altenbach lebensnotwendig. Ich habe so oft von Leuten, die hierherziehen wollten, gehört: ,Altenbach ist schön zum Wohnen, aber das Internet ist zu lahm’."

Nun findet Kraus, "nach 40 Jahren in der Kommunalpolitik ist es auch mal Zeit, auszusteigen". So verabschiedet er sich nach der Wahl "mit einem lachenden und einem weinenden Auge", denn gerade mit dem Team in der Verwaltungsstelle sei er "schon zusammengewachsen". Seit zwei Jahren ist Kraus nun Witwer, aber er hat neben seinen drei Kindern (und sechs Enkeln) ja noch sein großes Hobby, die Jagd, um die er sich "intensiver kümmern" will. Außerdem hat er, der in der Schule vor allem die antiken Sprachen Latein und Altgriechisch lernte, an der Volkshochschule einen Englisch-Kurs belegt – und plant nun einen Urlaub in England, um seine neuen Sprachkenntnisse mal auszutesten.

Am heutigen Samstag, 1. Juni, haben sich ab 11 Uhr die Vereine bei ihm in der Neuen Anlage 40 angesagt. Seine Kinder werden bei der Verköstigung helfen, dann wird abends im Familienkreis gefeiert.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung