14.06.2024

Politik belebt das Geschäft

Die Stimmung an den Wahlkampfständen auf dem Wochenmarkt war entspannt, auch wenn am Samstag das Wetter so gar nicht mitspielen wollte. Foto: bub
Die Stimmung an den Wahlkampfständen auf dem Wochenmarkt war entspannt, auch wenn am Samstag das Wetter so gar nicht mitspielen wollte. Foto: bub

Der Ton der politischen Gruppierungen untereinander ist freundlich, der Himmel düster: ein Wahlkampf-Vormittag auf dem Wochenmarkt.

Von Filip Bubenheimer

Schriesheim. Ein paar Zentimeter rückt die "Initiative Schriesheimer Bürger" (ISB) ihren Pavillon zur Seite, Richtung Grüne Liste. Dann, so ISB-Vorsitzende Liselore Breitenreicher, "passt noch die CDU dazu" und kann ihren Stehtisch aufstellen. Hier finden auch die Freien Wähler, deren Fraktionschef Bernd Hegmann mit einem Bollerwagen über das Pflaster geklappert kommt, noch einen Platz, während Christina Stockhausen SPD-Chef Patrick Schmidt-Kühnle Regenschutz unter dem Dach der Grünen Liste anbietet: "Das ist groß genug", so Stockhausen – die Genossen stellen aber ihr eigenes Zelt auf.

Freundlich ist der Umgangston am Samstagvormittag auf dem Wochenmarkt. Alle Parteien und Listen, die bei der Gemeinderatswahl um Stimmen kämpfen, haben einen Stand aufgebaut – mit Ausnahme der AfD, die sich aber für dieses Wochenende angekündigt hat. Das gute Miteinander, findet Schmidt-Kühnle, "zeichnet uns hier in Schriesheim aus". "Leben und leben lassen", fasst CDU-Ortsvorsitzende Christiane Haase das Verhältnis der Parteien zusammen, bevor sie einem Kleinkind einen Luftballon anbietet.

Junge Abnehmer für die Ballons finden sich recht mühelos. Etwas schwieriger ist es für die Wahlkämpfer, Erwachsene in ein Gespräch zu verwickeln. "Bin schon vergeben, danke", entgegnet ein Mann mit Einkaufstüte, als ihn Ursula Thiels (Grüne Liste) anspricht. Wer schon "mit dem Kopf nach unten gesenkt" vorbeistapfe, bei dem brauche man es in der Regel nicht zu probieren, meint Bernd Grüner (Bürgergemeinschaft Schriesheim).

Viele Passanten lassen sich aber auf ein Gespräch ein oder gehen auf die Wahlkämpfer zu – so wie eine Frau mit Tomatenpflanze und Blumenerde im Fahrradkorb, die an den FDP-Stand herantritt. Warum der Glasfaserausbau in Schriesheim anders ablaufe als in Wilhelmsfeld und die Wohnungsbesitzer hier selbst Verträge abschließen müssten, möchte sie wissen. Ulrike von Eicke holt aus und erklärt den Unterschied zwischen gefördertem (wie in Wilhelmsfeld) und eigenwirtschaftlichem Ausbau (wie in Schriesheim). Der Regen strömt, die Bürgerin ist platschnass, aber sie hört geduldig zu.

Die Windkraft, das Pflegeheim auf dem Gärtner-Gelände, die Verkehrssituation und die städtischen Finanzen zählen laut den Wahlkämpfern zu den vielen Themen, die auf dem Wochenmarkt zur Sprache kommen. Ein eindeutiges Top-Thema kann niemand nennen. "Ich habe auch schon über die Wehrpflicht diskutiert", berichtet Haase. Die Grünen Liste stellt ihren Stand jede Woche unter ein neues Hauptthema, erzählt Thiels. An diesem Samstag lautet es "Kultur", in der vorigen Woche ging es um die "altersgerechte Stadt" – Thiels zufolge mit "großer Resonanz".

Der Wochenmarkt – das ist ein idyllischer Ort, den weite Teile der Bevölkerung aber links liegen lassen: 55 Prozent der Erwachsenen besuchen laut einer Umfrage der Meinungsforscher von "YouGov" nie oder seltener als alle drei Monate einen Wochenmarkt. Es sei schon "ein ganz bestimmtes Publikum, das hier samstags einkaufen geht", beobachtet Andy Kirchner (ISB). Vielleicht sollte man daher die Stände auch in Wohngebieten aufstellen. Schon auch "Folklore" seien die Marktstände, findet Wolfgang Renkenberger (FDP).

Doch verstecken muss sich der Marktstand gegenüber anderen Wahlkampfmitteln nicht. Broschüren wandern oft ungelesen in den Müll, auch die Social-Media-Followerschaft hält sich bei allen Parteien in Grenzen – Spitzenreiterin auf Instagram ist die SPD mit 323 Followern.

Und das persönliche Gespräch, gerade auch auf dem Markt, hat seine Vorteile. "Überwiegend" kenne er zwar die Leute, mit denen er ins Gespräch komme, sagt Bernd Hegmann. Aber es seien auch Leute aus Hirschberg oder Dossenheim darunter – und das sei wegen der Kreistagswahl ja auch wichtig. Schmidt-Kühnle berichtet, dass er in den Unterhaltungen immer wieder auch Neues erfahre: So habe ihm eine Bürgerin von den Schwierigkeiten erzählt, in Schriesheim ein Grundstück für ein "Tiny House" – ein Mini-Häuschen, meist ohne Fundament – zu finden. Dieses Thema, so Schmidt-Kühnle, habe er nicht auf dem Schirm gehabt.

"Warum habt Ihr das so oder so entschieden?", werde er oft gefragt, sagt Freie-Wähler-Ortsvorsitzender Marc Hartmann. In vielen Gesprächen gehe es eben auch darum, kommunalpolitische Vorgänge zu erklären. Wenn man dann die Hintergründe deutlich mache, "sind die Leute doch wieder zufrieden", so Hartmann. Kritische Stimmen gebe es natürlich, doch unangenehme Gespräche kämen eigentlich nicht vor. Ähnliches berichten die anderen Parteien: Man bekomme schon mal Frust ab, aber Pöbeleien seien sehr selten.

Wie viele Stimmen die verregneten Stunden auf dem Markt am Ende einbringen: Man wird es nie wissen. Die Parteienstände, findet aber Kirchner, "beleben den Markt ein bisschen". Und die Wahlkämpfer, berichtet Obst- und Gemüsehändler Farid Noory, "kommen auch einkaufen bei uns". Das erlebe er nicht auf allen Märkten in der Region, die er beschicke.

Copyright (c) rnz-online
Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

Copyright (c) rnz-online
Autor: Rhein-Neckar-Zeitung