17.04.2024

Mathaisemarkt für Anfänger

Drei Höhepunkte des Mathaisemarkts: die Krönung der Weinhoheiten am ersten Freitag (oben), die Mittelstandskundgebung am Montag (Mitte) und der Festzug am ersten Sonntag mit seinen originellen Wagen. Fotos: Dorn
Drei Höhepunkte des Mathaisemarkts: die Krönung der Weinhoheiten am ersten Freitag (oben), die Mittelstandskundgebung am Montag (Mitte) und der Festzug am ersten Sonntag mit seinen originellen Wagen. Fotos: Dorn

Eine kleine Einführung in die fünfte Jahreszeit: Ein Fest, das für die Region wichtig ist, vor allem aber für die Seele der Schriesheimer.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Ein bisschen ist es mit dem Mathaisemarkt so wie mit Lakritz: Entweder man mag es – oder nicht. Die meisten Schriesheimer mögen dieses erste große Volksfest der Region, es gehört zu ihrer DNA.

Erstens, weil man sowieso gerne feiert ("Drei Schriesheimer, ein Fest"), zweitens verzichtet man hier wegen des Mathaisemarktes fast völlig auf die Fastnacht.

Und drittens beweist das Fest den Stellenwert der Stadt, der einzigen an der Bergstraße zwischen Weinheim und Heidelberg: Hier kommt die ganze Region zusammen. Früher, zu Zeiten des legendären und langjährigen Bürgermeisters Peter Riehl (heute Ehrenbürger) hieß es oft: "Von Schriesheim kennt jeder zwei Dinge: den Mathaisemarkt und Peter Riehl."

Grund genug für eine Einführung ins Fest und seine Höhepunkte.

Die Geschichte

Gefühlt war der Mathaisemarkt schon immer da, zumindest seit 1579. Damals erhielt Schriesheim – gerade seiner Stadtrechte beraubt – vom Kurfürsten als Entschädigung die Erlaubnis, zweimal im Jahr Märkte abhalten zu dürfen, jeweils an den Namenstagen der Apostel Matthias (24. Februar) und Jakobus (25. Juli). Nur der frühe Termin hatte Bestand – daher auch der Name Mathaisemarkt –, allerdings verschob sich sein Beginn im 18. Jahrhundert auf Anfang März. Damals war das eher ein Vieh- und Pferdemarkt – an einem Tag. Erst 1926 wurde seine Dauer verlängert und wurde so nach und nach zu einem Volksfest. Wenn nun der 442. Mathaisemarkt gefeiert wird, dann stimmt das so nicht ganz. Er fiel immer mal wieder aus: im Ersten Weltkrieg und danach für zwölf Jahre, wegen des Golfkriegs 1991 und der Pandemie 2020 und 2021.

Die Krönung

Für ein Jahr eine Hoheit sein: An der Bergstraße ist das ein richtig wichtiges Amt, und hier ist man auch noch wer. Was wiederum daran liegt, dass wohl kaum eine Kommune in der Kurpfalz so mit dem Wein verbunden ist wie Schriesheim. In diesem Jahr sind es Miriam Knapp, Sophie Weill und Ylva Neuert. Das Trio wird wie stets am Freitagabend gekrönt, und das ist der erste Höhepunkt des Mathaisemarkts – nicht nur, weil er mit dieser Zeremonie eröffnet wird. Denn dieses Dreigestirn wird danach in der gesamten Region bis hin nach Berlin Schriesheim und seinen Wein auf 160 Terminen vertreten – und zwar stilgerecht im Dirndl. Allein optisch sind sie ein Hingucker – was man im letzten Jahr im Landtag erlebte, als die drei Bergsträßer Weinhoheiten (neben Schriesheim auch aus Hemsbach und aus Weinheim-Lützelsachsen) den Landtag besuchten und sich die Abgeordneten im Plenarsaal die Köpfe verrenkten, als sie die festlich gekleideten Bergsträßerinnen auf der Besuchertribüne erblickten.

Der Festzug

Der zweite große Höhepunkt, immer am ersten Festsonntag – und eine richtige Bürgerbewegung. In diesem Jahr machen 57 Vereine, Verbände und Gruppen mit, die sogar richtige Motivwägen gebastelt haben – wonach man beim Heidelberger Fastnachtsumzug lange suchen muss. Die Wagenkolonne steht immer unter einem Motto – in diesem Jahr ist es "Werbereifes Schriesheim": Es werden also bekannte Reklamesprüche als Motto für die Nummern verwandt. Das Ergebnis ist auf jeden Fall sehenswert – und vor allem ist hier alles noch handgemacht. Besonders charmant: Der Zug wird an mehreren Stellen kundig kommentiert.

Die Mittelstandskundgebung

Mag auch ihr Name etwas sperrig sein, aber im besten Fall ist das eine Art Kurpfälzer Aschermittwoch (wenn auch mit fast zwei Wochen Verspätung): Volkstribunen entern das Rednerpult und peitschen die 1600 Zuhörer so richtig auf – man denke nur an Franz-Josef Strauß, der gleich zweimal hier war (1976 und 1988). Das gelingt nicht jedes Mal, doch in diesem Jahr stehen die Vorzeichen gut: Denn da kommt der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, der erste Freie Wähler, der hier auftritt. Als Niederbayer ist Aiwanger festzelterprobt: Erst in der letzten Woche, bei seiner Aschermittwoch-Rede in Deggendorf, hatte er sich die "Klimakleber" vorgeknöpft: "Ich würde sie zu vier Wochen Waldarbeit verurteilen. Toni Hofreiter könnte mit ihnen vorweg in den Wald marschieren. Und der erste Waldarbeiter, den sie treffen, läuft dann schreiend davon, weil er meint, es mit Urmenschen zu tun zu haben." Das klingt doch schon mal recht verheißungsvoll-polternd für seinen Schriesheimer Auftritt am 6. März.

Der erste Besuch

Wer den Mathaisemarkt zum ersten Mal besucht, sollte sich treiben lassen – über den Rummel, durch das Gewerbezelt und über den Krammarkt. Überall gibt es etwas zu entdecken. Wer am ersten Samstag kommt, sollte die Sportler beim Mathaisemarkt anfeuern. Zum Essen lohnt ein Abstecher ins Festzelt (wenn man nicht schon auf dem Festplatz an den "Fressbuden" schwach wurde). Am zweiten Sonntag lockt das Fanfarenzugtreffen oder die Schlepperschau. Familien sollten ihren Besuch am frühen Abend langsam ausklingen lassen, denn dann ist auf dem Mathaisemarkt am Wochenende quasi "Schichtwechsel", und die Jugend stürmt das Volksfest, um Party zu machen.

Copyright (c) rnz-online
Autor: Rhein-Neckar-Zeitung