22.04.2024

Gespannte Drahtseile machten schon mal Schlagzeilen

Über diesen schmalen Pfad am oberen Teil des Steinbruchs hatten Unbekannte wohl zwischen Sonntagabend und Montagmorgen ein Seil gespannt. Das dient eigentlich zur Absturzsicherung an der Abbruchkante. Foto: zg
Über diesen schmalen Pfad am oberen Teil des Steinbruchs hatten Unbekannte wohl zwischen Sonntagabend und Montagmorgen ein Seil gespannt. Das dient eigentlich zur Absturzsicherung an der Abbruchkante. Foto: zg

Eine aufmerksame Wanderin informierte Montagmittag sofort die Polizei. Verletzt wurde niemand. Die gemeldete Falle ist nur eine von vielen in der Region.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Es ist wohl nur einer aufmerksamen Zeugin zu verdanken, dass auf einem von Mountainbikern und Wanderern stark frequentierten Waldweg am Steinbruch kein Unglück passiert ist. Denn die Frau hatte am Montag gegen 13 Uhr beim Spaziergang entdeckt, dass unweit der Ölbergkuppe – in Höhe der Ebene 4 – ein Drahtseil zwischen zwei Bäumen gespannt war. Die Frau erkannte sofort die Gefahr, die von dem dicken Strang etwa in Brusthöhe ausging, und informierte die Polizei.

Das Seil an dem Wanderweg S4, der den Ölberg umrundet, dient eigentlich zur Absturzsicherung direkt vor der Abbruchkante. Allerdings ist es in Teilen recht alt und nicht mehr ganz straff (und auch stellenweise in die Bäume eingewachsen), und so war es für die Unbekannten relativ leicht, es aus der Befestigung zu lösen und um einen Baum zu wickeln.

Als Zeitpunkt für die Tat nimmt die Polizei den Sonntagabend oder Montagmorgen an, denn am Sonntag war bei sonnigem und mildem Wetters auf dem Weg viel los, da wäre das Seil sicher bemerkt und gemeldet worden.

Der Polizeiposten Schriesheim hat die Ermittlungen aufgenommen, aber noch keine Hinweise auf die Täter und ihre Motive. Allerdings sagte ein Polizeisprecher, die Tat sei "in voller Absicht" erfolgt – wohl um Mountainbiker zu Fall zu bringen. Daher bittet er Zeugen, sich beim Polizeiposten unter Telefon: 06203/61301 zu melden.

Meist werden über Waldwege gespannte Drähte oder Seile frühzeitig – wenn auch durch Glück – entdeckt. Das geht aber nicht immer glimpflich aus: Im Mai 2016 wurde ein 73-Jähriger in einem Wald bei Wilhelmsfeld von seinem Rad gerissen und leicht verletzt – ein Stahlseil war über einen Weg gespannt. Ein Waldarbeiter konnte dem Mann Erste Hilfe leisten.

Solche Vorfälle seien generell eher selten, erklärte der Polizeisprecher auf RNZ-Nachfrage. Allerdings machte eine ganz ähnliche Tat vor zehn Jahren Schlagzeilen: Anfang Januar 2014 bemerkte ein Mountainbiker bei Ziegelhausen, oberhalb vom Stift Neuburg, auf einem kleinen Pfad eine Schnur, die auf Kopfhöhe gespannt war. Sein großes Glück: Er war langsam bergauf geradelt.

Wäre er bergab gefahren – mit entsprechender Geschwindigkeit – hätte ihn der straffe Strick schwer verletzen können. Der Mann entfernte ihn, übergab ihn der Polizei und erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Nach dem Bericht wandten sich vier Radler an die RNZ.

Darunter auch einer, der am Weißen Stein unterwegs war. Hier war es ein Draht, der auf Brusthöhe gespannt war – am selben Tag wie der Vorfall in Ziegelhausen. Der Mann und ein Bekannter fuhren bergab, doch die beiden mussten absteigen und entdeckten so den Draht: "Wir hatten Glück, dass einige Äste auf dem Weg lagen, die wir wegräumen mussten. Ich will nicht wissen, was passiert wäre, wenn wir in voller Fahrt gewesen wären."

Er vermutete hinter der Tat Wanderer oder Jogger, die sich über Mountainbiker ärgern. Tatsächlich, so berichteten es die Schriesheimer Jäger, hätten seit der Pandemie die Nutzungskonflikte im Wald deutlich zugenommen, weil es immer mehr Leute, ob zu Fuß oder auf dem Rad, in die Natur zog, wo sie sich oft rücksichtslos verhielten: "Der Wald ist ein rechtsfreier Raum geworden", klagten sie.

Wobei manche Biker mitten im Wald – vor allem am Weißen Stein – ständig neue Pfade (sogenannte Trails) anlegen. Dem soll mit einem offiziellen "Steinbrecher-Trail", den sich die Outdoor-Abteilung der TSG Germania Dossenheim ausgedacht hat, entgegengewirkt werden. Im Herbst war der offizielle Spatenstich, im Mai soll er fertig sein.

Auch wenn das über den Weg gespannte Seil am Steinbruch eine schwere Gefährdung der Verkehrssicherheit ist: Eigentlich dürften auf diesem schmalen, oft nur ein Meter breiten Weg keine Mountainbiker fahren – worauf auch Schilder hinweisen. In Baden-Württemberg ist es ihnen laut Waldgesetz nur gestattet, Wege zu nutzen, die breiter als zwei Meter sind – woran sich allerdings die wenigsten halten, weil sie möglichst unebene und schmale Trails bevorzugen.

Diese Regel ist aber so unbekannt, dass sie am 21. November 2016 sogar die 500.000-Euro-Frage bei "Wer wird Millionär?" war: "Wer muss beim Urlaub im Schwarzwald grundsätzlich die sogenannte Zwei-Meter-Regel beachten?", fragte Günther Jauch. Die Kandidatin, die zwischen Mountainbikern, Hundebesitzern, Wohnmobilfahrern und Nichtschwimmern zu wählen hatte, brauchte zwei Joker, bis sie schließlich riet – und dann gewann.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung