22.04.2024

Schriesheimer "Mühlenhof": Ab Frühsommer: Vom eigenen Acker frisch auf den Tisch

Im "Mühlenhof" soll ein in der Region bisher einzigartiges Restaurant-Konzept umgesetzt werden. Die Eröffnung ist im Frühsommer.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Mit einer außergewöhnlichen Idee will sich der "Mühlenhof" – er liegt zwischen Schriesheim und Wilhelmsfeld – auf der gastronomischen Landkarte der Region neu verorten. Der junge Koch Dustin Dankelmann plant hier ein neues Lokal, das im Frühsommer eröffnen soll und für dessen Gerichte er fast alles selbst anbaut. "Farm to Table" nennt sich das Konzept, das vor allem in den USA populär wurde.

In Dankelmanns Fall heißt das, dass er auf insgesamt 7000 Quadratmetern Acker in Heidelberg-Kirchheim und Dossenheim seltene Obst- und Gemüsesorten – insgesamt 750 – wachsen lässt, um die sich momentan drei Mitarbeiter kümmern: "Das ist eine Vielfalt, die kein Landwirt anbaut."

Zum Beispiel "schönste Tomaten aus Sibirien" oder "japanische Melonen und Zitrusfrüchte", aber auch längst vergessenes Einheimisches – wie die Erdbeere "Mieze Schindler", die zwar ein Wahnsinnsaroma hat, "aber schon sechs Stunden nach dem Pflücken matschig ist".

Die seltenen Sorten gaben dem neuen Lokal auch den Namen: "Raro". Die Bergstraße, so sagt der 31-Jährige, sei vom Klima her ideal: "Hier wächst alles." Täglich wechseln die Menüs, es gibt eben das, was gerade reif ist. "Die Natur gibt uns den Rhythmus vor."

"An der Bergstraße wächst alles"

Doch nicht alles kann Dankelmann selbst produzieren: Geflügel und Schweinefleisch von seltenen Rassen kommt aus dem hessischen Ried, die Rinder grasten vorher in Pfälzer Weinbergen – alles von Mini-Produzenten, "positiv Verrückte wie wir" nennt sie Dankelmann. Beim Wein hat er schon regionale Winzer im Blick, wie die Schriesheimer Neuentdeckung Max Jäck.

Die viele Mühe auf dem Feld und in der Küche hat aber auch ihren Preis: Dankelmann kalkuliert pro Menü – fünf bis acht Gänge – 150 Euro, für die Sterne-Gastronomie eine übliche Preisklasse, dafür habe man aber auch "ein einzigartiges abendfüllendes Erlebnis".

Denn die Gäste – es gibt nur Platz für 30 Personen – können dabei zuschauen, wie ihr Fleisch auf einer Feuerstelle im Gastraum gebraten wird. Alles soll hier ein bisschen anders sein, vielleicht auch legerer als in anderen Gastrotempeln.

Dass Dankelmann mit dem "Mühlenhof" eine neue kulinarische Heimat fand, hat vor allem mit dem Mäzen und Mitgründer der MLP-Versicherung, Manfred Lautenschläger, zu tun. Der Kontakt zu Dankelmann kam eher zufällig zustande, als der mal für dessen Sohn Matthias privat kochte.

Manfred Lautenschläger war derart begeistert, dass man bald in ernsthafte Gespräche einstieg. Zumal Dankelmann auf der Suche nach einem Lokal war. 50 Objekte, darunter den seit vier Jahren geschlossenen "Strahlenberger Hof" in Schriesheim, schaute er sich an, bis er dank Lautenschläger den "Mühlenhof" sah: "Das ist es! Besser könnte es, so in der Natur, nicht passen!" Sein Personal, vier Köche und zwei Bedienungen, hat er schon zusammen – eine Seltenheit in der Branche: "Wir hatten mehr Bewerber als Stellen."

Der gebürtige Rheinländer hatte eigentlich Biologie studiert, aber nach einem Praktikum in Juan Amadors Mannheimer Sternelokal wurde ihm klar: "Nee, Dustin, Du willst kochen!" Und er schmiss sein Studium: Dankelmann lernte bei Hans Stefan Steinheuer in Bad Neuenahr, um sich dann für zwei Jahre bei Klaus Erfort in Saarbrücken hochzuarbeiten.

Aber irgendwie hatte es ihm die Kurpfalz angetan, also wechselte er 2018 ins Heidelberger "959", inzwischen hatte er auf der Hotelfachschule seinen Küchenmeister gemacht: "Die Arbeit war toll, aber ich habe gemerkt: Das Konzept passt nicht zu mir", er wollte ja raus aufs Feld.

Er pachtete immer mehr Äcker dazu: "Das wurde immer größer, mir fehlte nur das Restaurant dazu." Das hat er ja nun, und in die Bergstraße hatte er sich schon zu seiner Mannheimer Zeit verguckt.

Manfred Lautenschläger war es, der vor 14 Jahren das Gelände einer ehemaligen Kerzenfabrik zu neuem Leben erweckte – allerdings unter anderen Vorzeichen: Zunächst unterstützte seine Stiftung ein sozial-ökologisches Projekt: Obdachlose sollten hier auf einer Art Bauernhof arbeiten und wieder eine Struktur in ihrem Leben bekommen; Träger war die Evangelische Stadtmission Heidelberg, insbesondere das Wichernheim für Wohnungslose.

Zugleich sollte im angeschlossenen Wirtshaus die selbst angebauten Produkte aufgetischt werden – also im Grunde eine ganz ähnliche Idee, wie sie Dankelmann jetzt verfolgt.

Doch im Laufe der Zeit änderte sich einiges: Um die Pflege der vielen Tiere kümmerte sich der Leiter des Wichernheims, Heinz Waegner, mit seiner Frau aufopferungsvoll Tag und Nacht, beide wohnten auch im "Mühlenhof"; als sie vor vier Jahren in Rente gingen, sah die Stadtmission ein, dass es für die Waegners keinen Ersatz geben könnte – und mit ihnen verschwanden schließlich auch die Tiere.

Allerdings existiert eine andere soziale Idee weiter: Im Mühlenhof ist auch der Verein "Incluso" untergebracht, der geistig behinderte junge Menschen Arbeit und gezielte Förderung im Gartenbau, Handwerk und in der Hauswirtschaft bietet. "Incluso" bleibt auf dem Gelände, wie Lautenschläger versichert, und der inklusive Verein erhält sogar noch mehr Platz.

In der Öffentlichkeit war aber das Lokal präsenter: Hier kochte das Schriesheimer Gastronomie-Urgestein Jürgen Opfermann, bis er zum Jahresende in Rente ging. Er war lange Zeit Wirt des legendären Restaurants "Zu Pfalz", direkt an der B3 in Schriesheim, bis das einem Ärztehaus weichen musste. Dessen Küche gefiel Dankelmann: "Alles sehr ehrlich und selbst gemacht. Es gibt nicht mehr so viele Lokale, die ohne Fertigprodukte auskommen."

Strebt Dankelmann nun einen Stern an? "Ich habe nur im Zwei- und Drei-Sterne-Bereich gearbeitet. Aber es ist nicht mein vorrangiges Ziel, einen Stern zu bekommen, habe aber auch nichts dagegen. Ich will vor allem für meine Gäste kochen."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung