15.04.2024

Mathaisemarkt: "Schnitzel statt Käfer" – Hubert Aiwanger polarisierte

In seinem Element: Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sprach am Montagnachmittag als erster Freier Wähler bei der Mittelstandskundgebung – flankiert von Bürgermeister Christoph Oeldorf und den Weinhoheiten Sophie Weil, Miriam Knapp und Ylva Neuert (verdeckt). Foto: Dorn
In seinem Element: Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sprach am Montagnachmittag als erster Freier Wähler bei der Mittelstandskundgebung – flankiert von Bürgermeister Christoph Oeldorf und den Weinhoheiten Sophie Weil, Miriam Knapp und Ylva Neuert (verdeckt). Foto: Dorn
Kurz vor seiner Rede besuchte Hubert Aiwanger mit einer „Delegation“ das Gewerbezelt und machte auch beim Stand der RNZ einen Halt. Foto: Dorn
Kurz vor seiner Rede besuchte Hubert Aiwanger mit einer „Delegation“ das Gewerbezelt und machte auch beim Stand der RNZ einen Halt. Foto: Dorn
Richtig auf Touren kommt der Niederbayer in Gegenwart von Frauen – wie hier bei den Schriesheimer „Montagsmädels“ am Gewerbezelt-Weinstand. Foto: Dorn
Richtig auf Touren kommt der Niederbayer in Gegenwart von Frauen – wie hier bei den Schriesheimer „Montagsmädels“ am Gewerbezelt-Weinstand. Foto: Dorn
Ein paar krachende Sätze zum Einstieg, viel Lob für Handwerk und Mittelstand, dann scharfe Kritik an staatlicher Bürokratie: Der Freie-Wähler-Parteichef und bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger wusste sein Publikum auf dem Mathaisemarkt zu gewinnen. Foto: Dorn
Ein paar krachende Sätze zum Einstieg, viel Lob für Handwerk und Mittelstand, dann scharfe Kritik an staatlicher Bürokratie: Der Freie-Wähler-Parteichef und bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger wusste sein Publikum auf dem Mathaisemarkt zu gewinnen. Foto: Dorn

Den bayerischen Wirtschaftsminister feierten fast 2000 Zuhörer bei der Mittelstands-Kundgebung mit stehendem Applaus. Es gab aber auch etliche Buhrufe.

Von Micha Hörnle und Sören S. Sgries

Schriesheim. 53 Minuten sprach der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) am Montagabend im Festzelt – und hatte die gut 2000 Zuhörer von Anfang an im Griff, am Ende gab es stehenden Applaus, und in die "Hubert, Hubert"-Rufe mischten sich auch einige Buhs. Doch die Zuhörer waren sich, im Guten wie im Schlechten, einig: "Aiwanger kann Festzelt", fasste es Bürgermeister Christoph Oeldorf bündig zusammen.

Der frischgebackene CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Föhr fand, der Niederbayer sei "halt ein Bierzeltprofi". Dass der einer anderen Partei angehört, sei "kein Problem", er höre gern zu, wenn Politiker gut und unterhaltsam reden können". Nachdem er vier Tage vorher die Regierungserklärung von Bundeskanzler Olaf Scholz im Bundestag genauso live miterlebt hatte, fand er das doch "zwei ganz unterschiedliche Welten".

SPD-Landtagsabgeordneter Sebastian Cuny meinte zwar, Aiwanger "kann Bierzelt, aber ich dachte, der Politische Aschermittwoch wäre schon im Februar gewesen". Seine grüne Landtagskollegin Fadime Tuncer wurde noch deutlicher: "Aiwanger wurde seinem Ruf gerecht: Er ist ein Spalter und Populist, ein bayerischer Trump."

Ganz anders hingegen Isolde Nelles, die schon so viele Mittelstandskundgebungen erlebt hat: "Er hat dem Volk aufs Maul geschaut. Ich wusste, dass er zeltgeeignet ist. Aber dass er so gut ist, hätte ich nie gedacht. Er ist halt ein Bayer!"

Gastgeber Rolf Edelmann vom BDS war immer noch sprachlos: "Was für eine Rede! Er reißt das Publikum mit. Seine Meinung mag nicht jedermanns Geschmack sein, aber wir lassen alle Meinungen gelten – auch die Buhrufe." Und auch Bettina Schmauder vom BDS-Landesverband meinte, dass sich der Niederbayer in die Liste der starken Redner auf dem Mathaisemarkt einreihen lassen könnte.

Der Redner selbst erhielt einen Präsentkorb mit Schriesheimer Wein ("Das ist mehr als mein eigener Weinkeller"), sang sich tapfer durch das Badner-Lied (wenn auch per Liedblatt) und durch die Nationalhymne.

Eine Stunde zuvor, in der Weinstube Hauser, hatte Aiwanger in gewohnt deutlichen Worten die Grundlinien seiner am Mittelstand orientierten Wirtschaftspolitik skizziert, aber ein bisschen ging es auch um seinen jüngsten Beitrag auf Twitter ("Niemand soll in Bayern das Abitur bekommen, wenn er nicht einen Nagel in ein Stück Holz schlagen kann"), wobei er auf dem Foto den Nagel mit der spitzen Seite des Hammers einschlägt. Den habe er mitnichten falsch gehalten, sagte Aiwanger, er habe nur zeigen wollen, wie gut er das als ehemaliger Landwirt beherrscht.

Zur Hochform aber lief der Bayern-Minister im direkten Kontakt mit den Besuchern oder Ausstellern im Gewerbezelt auf, durch das er direkt vor der Mittelstandskundgebung eine halbe Stunde lang ging. Das war kein Termin im Sauseschritt, der selbsterklärte Freund des Mittelstands nahm sich außergewöhnlich viel Zeit, besuchte wirklich jeden Stand, bugsierte selbst unwillige Aussteller auf ein Foto mit den Weinhoheiten: "Kommen’s doch her, ich gehe doch nicht auf Ihren Stand und verscheuche Sie dann!"

Am Stand mit den E-Bikes von Markus Kunkels Radladen fragte er besorgt nach: "Bekommen Sie genug Nachschub?" An einem anderen reichte er die geschenkten blauen Plüsch-Elefanten gleich an die Weinhoheiten weiter. Bei "Heim & Haus" forderte er den Aussteller auf: "Kommen Sie mal nach Bayern!" An der Torwand, die die Stadt Schriesheim aufgebaut hatte, um für fair gehandelte Produkte zu werben, probierte sich der Minister gleich sieben Mal erfolglos aus.

Aber er und Wirtschaftsförderin Nathalie Kerz hatten ihre Gaudi. Auch am Stand der RNZ ("Die Zeitung ist ein Begriff") fremdelte er keineswegs als Niederbayer: "Die Buchstaben sind ja dieselben." Noch nicht mal einen Kuli wollte er mitnehmen: "Danke, habe ich selber."

Aber so richtig in seinem Element war er in Gegenwart von Frauen: Vor dem Festzelt traf er auf eine Gruppe, die gerade auf dem Mathaisemarkt feiern wollte. Aiwanger kaufte Sonja Marchetti aus Ladenburg sogar für zehn Euro einen blinkenden Haarkranz ab. Ein netter Typ, dachten sich wohl die Damen, auch wenn sie nicht so genau wussten, wer das nun war: "Das ist doch dieser Bayer." Das war bei den "Montagsmädels" in der Weinecke des Gewerbezelts anders: "Das ist der Hubsi!"

Gleich war er von ihnen umringt ("Komm doch in unsere Mitte") und gab den Charmeur: "Ich wollte nur mal schauen, was für hübsche Damen Baden-Württemberg hat. Deswegen bin ich ja da." Um einige Bussis reicher verabschiedete er sich zünftig mit "Servus". "Der ist ja super-sympathisch", war der Schriesheimer Mädel-Club ("Wir heißen alle Sabine") ganz angetan.

Man merkt Aiwanger an, dass er gerne unter den Leuten ist – und auch deren Sprache spricht (selbst wenn es Niederbayerisch ist). Manchmal neigt er auch zur Selbstironie. Denn immer mal wieder standen Autogrammjäger unvermittelt vor ihm. Geduldig signierte er dann die Autogrammkarten mit seinem Konterfei: "Jeder läuft da mit meinen Bildern rum. Das ist ja direkt unheimlich."


Aiwanger isst "lieber Schweineschnitzel als Käfer"

Ein Wirtschaftsminister als Festredner auf einer Mittelstandskundgebung – ja, das ist plausibel. Aber warum holt man sich den Niederbayern Hubert Aiwanger nach Baden-Württemberg? Dienstsitz: Prinzregentenstraße, München. Interessieren dessen Wahlkampfparolen wirklich irgendjemanden auf dem Schriesheimer Mathaisemarkt?

Wer mit solchen Zweifeln am Montagabend ins große Festzelt gekommen sein sollte, der durfte sich schnell eines Besseren belehren lassen. Das Interesse war riesig. Vorab, als tatsächlich begeisterte Bürger mit Fotos auf den Minister zustürmten, um sich Autogramme zu holen. So etwas gab es vor der Corona-Pause (CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann war 2020 die letzte Rednerin) eher nicht zu bewundern. Und auch im Zelt selbst harrten an die 2000 aus, um Klartext vom bayerischen Vize-Ministerpräsidenten zu hören.

Der enttäuschte nicht. Festzelt kann er. Selbst auf Mikrofon und Lautsprecher hätte er wohl verzichten können, so donnernd startete Aiwanger in seine knapp einstündige Rede. Frei gehalten übrigens. Dafür ganz nah an den Themen und Leidenschaften seines mittelständischen, unternehmerischen Publikums. Wie man das abholt? Mit ein paar krachenden Sätzen zum Einstieg.

"Ihr seid die, die anpacken, und nicht diejenigen, die sich auf die Straße kleben", schmeichelte er gleichsam dem Mittelstand und teilte gegen wenig beliebte Klimaaktivisten aus. Statt in den großen Talkshows immer über "Randthemen" zu diskutieren, sollten doch bitte "das ganz normale Volk, die ganz normalen Themen" Aufmerksamkeit bekommen".

Nicht die Bali-Flieger, sondern die Handwerker mit 40 Jahren Erfahrung. Machen statt "auf den Weltuntergang warten", das sei die Devise. Da jubelte die Menge begeistert. Aiwanger, der Bundesvorsitzende der Freien Wähler, kritisierte die vermeintliche "Hetze gegen den alten weißen Mann". "Lassen wir nicht zu, dass unsere Eltern und Großeltern angegriffen werden", forderte er. Die hätten doch dieses Land erst aufgebaut, nicht die Jungen, die jetzt so täten als hätten sie "die Weisheit mit Löffeln gefressen".

Der Landwirtssohn verteidigte die Tierhaltung ("Ich esse lieber ein Schweineschnitzel als Käfer"), den Holzofen ("Unsere Wälder sind voller Holz") und die Schneekanonen ("Skifahren ist nichts kriminelles"). Er polterte gegen Bürokratisierung und Geringschätzung gegenüber dem Handwerk, forderte eine kostenfreie Meisterausbildung.

Das Bemerkenswerte: Im RNZ-Gespräch vorab hatte Aiwanger sich mit einem gewissen Stolz zum Populismus bekannt. Er wolle einfach "Stammtischpolitik machen im besten Sinne des Wortes", hatte er gesagt. Und später dann das Festzelt als "großen Stammtisch" gelobt, dessen Lebenserfahrung er brauche.

Dumpfe Parolen, aggressive Attacken auf politische Konkurrenten waren aber nicht zu hören. Fremdenfeindliches, Migrationsfeindliches klang niemals an – selbst bei den Anekdoten nicht, die andere vielleicht dafür genutzt hätten. Und: Nicht einmal die Grünen, auf bayerischen Volksfesten sonst beliebtes Ziel des Spottes, bekamen von Aiwanger namentlich eingeschenkt.

Ob da vielleicht doch strategische Überlegungen mit hineinspielten? Ein weiteres Leitmotiv Aiwangers war schließlich die Frontstellung gegen den Norden und die Berliner Ampel. Das geht am besten im Schulterschluss mit der grün-schwarzen Südwest-Landesregierung.

Nicht nur gegen den Länderfinanzausgleich wetterte Aiwanger, sondern vor allem die Energie- und damit einhergehend die Wirtschaftspolitik bereitet ihm Sorgen. Konkrete Forderungen gab es dann noch in der Steuerpolitik: Die Erbschaftssteuer gehöre komplett gestrichen. Da applaudierten die Unternehmer. Aber auch Geringverdiener will Aiwanger entlastet sehen – Einkommen bis 2000 Euro sollten komplett von Steuerlasten befreit werden.

Zudem müsse jeder Rentner bis zu 2000 Euro im monatlich steuerfrei dazuverdienen dürfen. Ziemlich forsche Themenwahl für einen bayerischen Landesminister? Ja mei, das Festzelt liebt’s halt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung