27.02.2024

Krötenretter sammeln Tiere auf den Landstraßen ein

Nur mit Hilfe kommen die Kröten zum Laichen. Probleme machen die wenigen Helfer und zu wenig Wasser im Rückhaltebecken.

Von Max Rieser

Schriesheim. Nur drei Taschenlampen beleuchten den nächtlichen Parkplatz für Wanderer an der Landstraße in Richtung Wilhelmsfeld. Die drei Personen in Warnwesten prüfen ihre Ausrüstung: Handschuhe, Lampen, Eimer. Was auf den ersten Blick wie ein konspiratives Treffen wirkt, ist ein Team der "Kröwasch"-Gruppe, was für Krötenwanderschutz-Gruppe steht.

Seit gut vier Wochen treffen sich dort die Krötenretter meistens einmal spät abends gegen 21 Uhr und einmal früh morgens um halb sechs. Die unwirtlichen Uhrzeiten orientieren sich an der Angewohnheit der Amphibien, sich vor allem nachts zu bewegen, da dann die Luftfeuchtigkeit höher ist. Die Freiwilligen helfen den Tieren, die durch die Autos stark gefährdet sind, denn: Um an ihr Laichgewässer, das Regenrückhaltebecken, zu kommen, müssen sie die viel befahrene Straße überqueren, zeitweise mehrere Hundert Erdkröten, manchmal auch Frösche, Salamander oder Molche in nur einer Nacht.

Damit die Kröten nicht blindlings auf die Straße hopsen, hat die Gruppe Ende Februar kniehohe Zäune entlang der Straße aufgestellt, die man momentan auch an vielen anderen waldnahen Straßen sehen kann. Alle paar Meter ist an dem Maschendrahtzaun ein Eimer eingelassen, in dem etwas Laub liegt. Im besten Fall springen die Kröten direkt in die Eimer und können dann bequem von den Ehrenamtlichen eingesammelt und sicher über die Straße zum Rückhaltebecken getragen werden. Damit sich Mäuse selbst aus den Eimern befreien können, stehen in ihnen Stöcke, Löcher im Gefäß verhindern, dass die Tiere in den Eimern bei starkem Regen ertrinken.

Die Helfer tragen die Anzahl der Funde, Uhrzeit und Witterungsbedingungen in Listen ein, um Regelmäßigkeiten feststellen zu können. So hieß es in dem E-Mail-Verteiler der Gruppe noch vor kurzem, dass es zu trocken und auch zu kalt sei und man mit einer Wanderung der Kröten noch nicht rechnen könne. Auch die Zahlen aus den Rundgängen bestätigten diese Annahme, meistens wurde kein Tier gefunden. Erst vor gut zwei Wochen nahm das Geschehen langsam Fahrt auf: Als Temperaturen und auch Niederschlagsmenge stiegen, wurden manchmal fünf bis zehn, aber auch mal 40 Tiere evakuiert.

Ins Leben gerufen wurden die Einsätze vor über 25 Jahren von Helke Hubrich. Sie war Vorsitzende der Schriesheimer Gruppe des BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland), bis diese sich im letzten Jahr wegen mangelnden Engagements der Mitglieder auflöste. Die "Kröwasch"-Gruppe besteht seitdem unabhängig weiter.

Eine der Helferinnen ist die Ursenbacher Stadträtin der Grünen Liste, Gerlinde Edelmann. Sie ist in diesem Jahr zum ersten Mal dabei und organisiert die Treffen, sodass jede Schicht von zwei bis drei Helfern gestemmt wird. Bei den nächtlichen Arbeitseinsätzen fielen ihr verschiedene Dinge auf, die es anzugehen gelte: "Wir sind zwar 23 Helfer, die oft noch mit ihren Partnern kommen, aber das Durchschnittsalter liegt bei über 60". Wie bei den meisten Vereinsaktivitäten fehle der Nachwuchs, der auch in Zukunft die "Krötenhilfe" sicherstelle, sagt Edelmann, als sie einen der Eimer nach einer Kröte durchsucht. Sie findet nicht nur eine, sondern eine kleinere, die auf dem Rücken einer größeren sitzt: "Das Kleinere ist das Männchen. Die lassen sich huckepack von den Weibchen tragen", erklärt sie und lacht.

Da viele jüngere Leute mit Kindern und Arbeit zu viel zu tun hätten, als dass sie sich auch noch um die Kröten kümmern können, habe sie eine klare Forderung an das Landratsamt: "Das hier ist eine Landstraße, und es ist Sache des Landratsamtes, einen sicheren Überweg für die Tiere zu gewährleisten." Das könne zum Beispiel in Form eines Krötentunnels gemacht werden, der unter der Straße hindurchführt und so die Tiere schützt. Bisher sei sie mit ihren Anfragen aber noch nicht weitergekommen: "Wenn man im Amt niemanden persönlich kennt, ist es oft schwer, etwas zu erreichen."

Beim Einsammeln der Amphibien wurde auch ein anderes Problem wieder deutlich. Überall am Straßenrand lägen Müll und Glasscherben. Das habe damit zu tun, dass an den Wanderparkplätzen zu wenig Mülleimer aufgestellt würden. Zudem entziehe sich das Landratsamt seiner Verantwortung, indem der Auftrag zum Entfernen des Mülls abgegeben worden sei: "Auf der Wiese hier weiden Schottische Hochlandrinder, das ist eine öffentlich beauftragte Pflegemaßnahme." Dem Bewirtschafter, einem Landwirt aus Lampenhain, habe man aufgetragen, dass er den Müll entlang der Fläche zu entsorgen habe.

In einen der Eimer hat sich ein kleines schwarzes Tier mit orangenem Bauch verlaufen, das später anhand von Fotos als Bergmolch-Dame identifiziert wird. Auch die wird von Edelmann zum Rückhaltebecken getragen. Dort kommt sie auf ein weiteres Problem zu sprechen: "Das Rückhaltebecken dient natürlich dem Hochwasserschutz. Ein gewisser Mindestwasserstand müsste aber schon drin sein." Ist nämlich zu wenig Wasser im Becken, haben die Kröten nicht genug Platz zum Laichen und somit zur Arterhaltung. Generell sei die Zahl der Tiere zwar seit einigen Jahren rückläufig, dass die Arbeiten am Rückhaltebecken aber schnell fertiggestellt würden, sei für die Kröten trotzdem wichtig.

Die sinkende Population sei eine Folge des Klimawandels. Zum einen gebe es immer längere Trockenperioden, bei denen die Amphibien nicht wandern können. Zum anderen würde es auch vorkommen, dass Kröten aufgrund warmer Tage im Februar anfangen würden zu wandern, es dann aber schlagartig kalt würde und die Brut sterbe.

Gegen 22 Uhr sind Edelmann und ihre zwei Helfer mit ihrer Tour für diesen Tag fertig. 14 Kröten und die Molch-Dame konnten sie einsammeln und sicher über die Fahrbahn bringen. Bis die Krötenwanderung vorbei ist, werden aber noch gut drei Wochen mit etlichen Einsätzen vergehen.

Info: Wer der "Kröwasch"-Gruppe helfen will, wendet sich an Gerlinde Edelmann (Telefon: 0173/9335443 oder E-Mail an gerlinde.edelmann@t-online.de).

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung