27.02.2024

Ein jüdischer Widerstandskämpfer

Am Freitag, 6. Mai, wäre Karl Heinz Klausmann 100 Jahre alt geworden. Er entzog sich als Jude der drohenden Deportation und schloss sich der Résistance an.

Schriesheim. (hö) Der Widerstandskämpfer Karl Heinz Klausmann, der in Schriesheim aufgewachsen und bereits mit 22 Jahren gefallen ist, wäre am morgigen Freitag, 6. Mai, 100 Jahre alt geworden. An ihn erinnert seit 2012 ein Stolperstein. Klausmanns Sterbedatum erwies sich allerdings im Nachhinein als falsch, weswegen der Stein im letzten Jahr neu verlegt wurde. Aus diesem Anlass zeichnet die RNZ sein Leben nach, die Grundlage dafür ist ein Beitrag von Professor Joachim Maier im Jahrbuch 2021.

In dem schmalen Gässchen "Mainzer Land", Hausnummer 5, in der Schriesheimer Altstadt lebte das Gärtnerehepaar Kamill und Maria Klausmann. Durch Vermittlung einer Frau aus Schriesheim nahmen sie den am 6. Mai 1922 in Mannheim unehelich geborenen Karl Heinz Fulda in Pflege. Dessen Mutter, Margarete Fulda, und sein leiblicher Vater waren Juden. Im Februar 1928 adoptierten die Eheleute Klausmann das Kind. Ein Jahr später wurde Karl Heinz Klausmann in Schriesheim evangelisch getauft. Er besuchte die Volksschule und wurde 1937 konfirmiert.

Während der Ausbildung auf einem Geflügelhof in Achern, zwischen Baden-Baden und Offenburg gelegen, machten Nachforschungen des Bezirksamtes Mannheim über die Abstammung des Jungen (den sogenannten Ariernachweis) aktenkundig, dass die leiblichen Eltern und die vier Großeltern Juden waren. Von diesem Zeitpunkt an galt Karl Heinz Klausmann als "Volljude"; deshalb konnte er seine Ausbildung nicht fortsetzen. Er wechselte zur Geflügelfarm Fornoff in Weinheim. Familie Fornoff wusste um die jüdische Abstammung des Jungen und wollte helfen. Sie ermöglichte Klausmann eine selbstständige, aber von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmte Arbeit. Die im Juni 1940 für ihn ausgestellte "Kennkarte" trägt den deutlich sichtbaren Großbuchstaben "J" und die Unterschrift mit dem zwangsweise angenommenen weiteren Vornamen "Israel".

Als im Oktober 1940 die Juden aus Baden und der Saarpfalz in das unbesetzte Frankreich abgeschoben wurden, wurde Klausmann nicht erfasst. Er sollte jedoch im April 1942 mit weiteren etwa 130 noch in Baden lebenden Juden "nach Osten" deportiert werden. Dieser Deportation konnte er sich durch Flucht entziehen. Er gelangte auf nicht genau zu rekonstruierenden Wegen in das unbesetzte Frankreich. Die folgenden eineinhalb Jahre seines Schicksals bleiben im Dunkeln. Nachweisbar ist, dass er sich im September 1943 – mit gefälschter luxemburgischer Identität – der französischen Widerstandsbewegung Résistance im Süden des Départements Saône-et-Loire anschloss und an schweren Kämpfen gegen die deutschen Besatzungstruppen beteiligt war. Auch nach der Befreiung von Saône-et-Loire im September 1944 kämpfte Klausmann – jetzt als Mitglied einer Brigade der Fremdenlegion (Légion étrangère) – weiter bei der Befreiung des Elsass und der französischen Alpen.

Als letzter Ort, an dem er gesehen worden sei, nannten frühere Kameraden Barcelonnette nahe der italienischen Grenze im Département Alpes-de-Haute-Provence. Das Professor Maier 2004 übermittelte Mitgliederverzeichnis der Résistance-Gruppe, der Klausmann angehört hatte, nennt als Todesdatum den 7. Mai 1945. Dieses Datum wurde auf den 2012 zum Gedenken an Klausmann im "Mainzer Land 5" verlegten Stolperstein und in Maiers 2017 und 2019 erschienenen Veröffentlichungen übernommen. Zudem verwechselten manche Quellen zwei Résistance-Kämpfer mit dem Vornamen Karl Heinz. Seit Herbst 2020 herrscht aber endgültige Klarheit: Klausmann fiel am 14. April 1945 bei Castillon, etwa 50 Kilometer nordöstlich von Nizza. Nach diesen Recherchen hat sich die Stolperstein-Gruppe Schriesheim entschlossen, den 2012 verlegten Stolperstein mit dem dort eingetragenen Todesdatum 7. Mai 1945 zu ersetzen. Der neue Stein wurde am 28. Oktober 2021 verlegt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung