22.04.2024

Dark Pop: Wie Mario Radetzky mit Blackout Problems zur Band für Außenseiter wurde

Die Band Blackout Problems mit Sänger Mario Radetzky (Mitte). Foto: Sony Music
Die Band Blackout Problems mit Sänger Mario Radetzky (Mitte). Foto: Sony Music

Der Sänger und Gitarrist fand in Schriesheim zur Musik. Jetzt schafft er mit seiner Kunst einen Safe Space.

Von Marcel Schreiner

Heidelberg/Schriesheim. Das vierte Lied klingt an, Mario Radetzky legt seine schlichte Jacke ab und darunter kommt ein gold-glitzerndes Oberteil zum Vorschein. Der Sänger der Band Blackout Problems ist – spätestens jetzt – auf Betriebstemperatur. Er wird im Laufe des Abends seine Bühne verlassen und auf einen Baum klettern, er wird inmitten der Menge stehen und singen. Er nimmt sein Publikum mit, auf eine emotionale Reise. "Wir stellen uns nicht auf die Bühne, machen eine Show, du guckst dir die eineinhalb Stunden an, gehst nach Hause und isst dabei Popcorn, sondern du bist ja auch Teil davon", erklärt er: "Du wirst ja mit reingesogen und wir versuchen uns ja auch immer die Locations wirklich zu eigen zu machen, indem wir nicht nur auf der Bühne bleiben."

Dabei ist Radetzky eigentlich gar kein so aufbrausender, extrovertierter Mensch – zumindest nicht, wenn er nicht gerade als Sänger der Blackout Problems auf der Bühne steht. "Ich schätze mich eher als introvertiert ein, trinke zum Beispiel keinen Alkohol und bin auch kein krasser Party-Typ", beschreibt er sich. Ein Gefühl, dass Fans der Band auch am Merchandise-Stand nach den Shows immer wieder bekommen. Radetzky ist freundlich, freut sich über Autogramm-Wünsche und führt kleine Gespräche. Das Besondere: Er fragt selbst Dinge, interessiert sich sehr für sein Gegenüber. Starallüren: Fehlanzeige.

Der Grund für seine Art, er selbst schätzt sich und seine beiden Bandkollegen sogar als relativ ruhige und eher langweilige Gruppe auf Tour ein, ist dabei womöglich in der Biografie zu finden. Geboren wurde Radetzky in Heidelberg, aufgewachsen ist er in Schriesheim und Leutershausen. Als er dann mit jungen Jahren nach Österreich zieht, trifft ihn dieser Bruch zunächst hart: "Aber Musik hat für mich immer einen Anker gegeben, ich habe mich bei Nirvana aus dem Radio als Zwölfjähriger oder so dann total verstanden gefühlt." Früh wurde ihm klar, dass er auch irgendwann Musik machen will. Auch, um Leuten Verständnis und Gehör zu verschaffen, ähnlich wie er es in dieser Phase erlebt hat.

"Als kleines Schriesheimer, Leutershausener Kind auf einmal in einer Schule in Österreich zu sitzen und da ein Außenseiter zu sein", beschreibt der Sänger die Momente, die ihn geprägt haben: "Das macht einen sehr offen. Dann checkt man, wie sich andere fühlen." Am heutigen Freitag kommt mit Riot das vierte Album seiner Band raus, in dem es erneut sehr persönlich wird. Für den Herbst sind auch wieder neue Konzerte geplant. "Dann fahren wir wieder von Stadt zu Stadt und sammeln da die Außenseiter ein und sind bei unseren Konzerten wieder als Familie zusammen", freut sich Radetzky schon jetzt. Dieser Zusammenschluss aus Menschen, die sich in ihrem Leben bereits außen vor fühlen mussten, macht genau diese besondere Art Familie rund um die Band aus.

Entsprechend ist die Stimmung bei einem Blackout Problems-Konzert nicht alltäglich. "Ich hatte selbst schon das Gefühl, auf einem Konzert zu sein, wo man sich dachte ‚ich bin eigentlich nicht hier, um mich wieder als Außenseiter zu fühlen‘", beschreibt Radetzky seine eigenen Erfahrungen. Ein Gefühl, dass er bei seinem Anhang auf keinen Fall sehen möchte. Entsprechend spricht er ehrlich mit ihm, ermutigt die Fans, auch mal weniger gut drauf zu sein – denn auch das ist im Leben okay. Selbst Menschen, die politisch und menschlich andere Werte vertreten als die Band, will man nicht ausschließen. "Der zweite Grundgedanke ist, dass auch solche Leute, zu uns kommen und sehen können, dass es eigentlich auch anders geht."

Den Safe Space, den Radetzky mit seinen Kollegen für seine Zuhörer schafft, benötigt er indes auch selbst. Das neue Album Riot hat der Sänger zum ersten Mal selbst produziert. Dadurch ist es für ihn Sänger ein ganz besonderes, ein ganz persönliches geworden. Dass es dadurch auch politisch aufgeladen ist, liegt an der Realität der Musiker. "Menschen gehen gegen rechts auf die Straße, der Gazastreifen, die Ukraine, der Klimawandel, Trump - wir leben in einer so aufgeladenen Zeit. Ich würde uns nicht per se als politische Band wahrnehmen, sondern vielmehr als zeitgeistige Band, die einfach genau das aufsaugt." Den Abschluss des Albums macht dann wiederum Vogelgezwitscher, Kuhglocken und Gewitter. "Das war eines der allerersten Dinge, die ich fürs Album aufgenommen habe", verrät Radetzky: "Das ist für mich dieser Moment, wo ich weiß, das ist ein sehr schweres Album gewesen, die Texte sind sehr heavy und hier am Schluss kann man einmal kurz durchatmen und sich davon lösen."

Denn ein schweres Gefühl bei seinen Hörern zu hinterlassen, das würde den Grundgedanken des jungen Mario aus Schriesheim und Leutershausen definitiv widerstreben. Die Verbindung in die Region trägt er im Übrigen nach wie vor in seinem Herzen mit sich. "Ich weiß nicht, ob sich irgendjemand von den LeserInnen noch daran erinnern wird, aber es gab in Schriesheim die Coverband Rock Express", erzählt er von seinen ersten Berührungspunkten mit dem Gitarrespielen: "Ich fand es schon damals richtig spannend, dem mittlerweile verstorbenen Ralf Gabe beim Spielen zuzuschauen." Mit acht Jahren machte er sich dann selbst auf in den Gitarrenunterricht. Eine Erinnerung ist in der Familie Radetzky dabei aber noch tiefer verwurzelt: "Mit zwei Jahren war mein erstes Lieblingslied Runaway von Bon Jovi. Ich bin immer zur Stereoanlage gewatschelt und habe mir dieses Lied gewünscht."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung