15.06.2024

Alle wieder an Bord: Das Schriesheimer Weihnachtsdorf ist gerettet

Die Freien Wähler übernehmen jetzt die Organisation. Am eigentlichen Programm soll erst einmal wenig geändert werden.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Schon beim letzten Weihnachtsdorf hatte es Organisator Markus Paul angekündigt: Das war sein letztes Mal. Und dann ging er in die Offensive: Er suchte – auch durch ein RNZ-Gespräch – nach einem Nachfolger. Doch monatelang fand sich keiner – und der Veranstaltung drohte ihr endgültiges Aus.

Dann aber wendete sich das Blatt: Die Freien Wähler gingen nach der Sommerpause auf Paul zu – und erklärten sich bereit, die Organisation zu übernehmen. Sie hatten im September zum zweiten Mal ihren erfolgreichen Straßenfest-Stand "Bock auf Wild" im Hof des Freie-Wähler-Vorsitzenden Marc Hartmann gestemmt und sahen sich nun in der Lage, sich auch ums Weihnachtsdorf – dieses Jahr ausnahmsweise am zweiten und am dritten Adventswochenende – zu kümmern.

"Das ist in keinster Weise eine politische Veranstaltung", erklären Hartmann und sein Vize Roman Lamprecht einmütig: "Es ist vor allem wichtig, dass die 15-jährige Tradition dieser Veranstaltung nicht jetzt abrupt abbricht, sondern weitergeführt wird", sagte Lamprecht am gestrigen Donnerstag bei einem Pressegespräch.

Und Hartmann ergänzte: "Es geht dabei nicht um uns, sondern um das Weihnachtsdorf. Wenn wir es nicht machen würden, wäre es tot. Jeder andere hätte die Möglichkeit gehabt, von Volker Paul die Organisation zu übernehmen". Erst "Bock auf Wild" habe gezeigt, dass sich die Freien Wähler in der Lage sehen, eine solche Veranstaltung zu organisieren: "Wir haben das beim Straßenfest hinbekommen, wieso sollten wir das Weihnachtsdorf nicht schaffen?" Wobei das Engagement keine Eintagsfliege, sondern langfristig angelegt sein soll.

Es gab bereits erste Gespräche mit den Standbetreibern, fast alle sind wieder an Bord. Und so wird es wieder Essen- und Getränkestände geben, Kunsthandwerk aber auch ein Musikprogramm. Auch die lebendige Krippe von Ignaz Holdernig soll wieder dabei sein. "75 Prozent des Angebots sind bereits in trockenen Tüchern", so Lamprecht.

Und Hartmann betont die Kontinuität der Veranstaltung: "Es geht weiter – nur mit neuer Organisation", schiebt aber hinterher: "Aber es wird vielleicht nicht so rund laufen wie in den letzten 15 Jahren." Lamprecht findet: "Wir haben auch nicht den Anspruch, dass alles glatt läuft. Wir machen das ja zum ersten Mal. Aber wir geben jetzt Vollgas, um ein ordentliches Rahmenprogramm hinzubekommen."

Denn die Vorbereitungszeit war recht knapp: "In der Kürze der Zeit war es nicht so einfach, alles neu aufzustellen", sagt Lamprecht. Und so gibt es immer noch ein paar Baustellen: Der bei den Kindern so beliebte Nikolaus ist noch nicht gefunden – und hier hoffen die Freien Wähler auf einen, der in diese Rolle schlüpfen will.

Auch beim Musikprogramm ist man noch auf der Suche, um jeden Abend etwas bieten zu können. Aber das ist schwierig: Viele Bands haben schon ihre Engagements, und viele haben hier extra zugunsten der Markus-Paul-Stiftung gespielt, um deren Zweck zu unterstützen: der Hilfe für im Dienst verletzte oder getötete Angehörige von Hilfsorganisationen. Diese Stiftung gründete Volker Paul, nachdem sein Sohn, der Schriesheimer Polizist Markus Paul, 1998 von einem Einbrecher in einem Mannheimer Supermarkt erstochen worden war.

Nun aber sind die Freien Wähler der Veranstalter, da zieren sich vielleicht einige Musiker – oder verlangen nun einfach ordentlich Geld. Deswegen meint Hartmann auch: "Es muss ja nicht unbedingt eine große Band sein, die auf dem Weihnachtsdorf auftritt, es kann auch eine kleine sein oder ein Chor." Insofern, sagt Lamprecht, macht es "eben schon einen Unterschied, ob die Markus-Paul-Stiftung oder die Freien Wähler das Weihnachtsdorf organisieren".

Volker Paul sieht durchaus die Schwierigkeiten, wenn nun eine andere Organisation hinter "seinem" Fest steht: "Das wird schon schwieriger. Wegen der Markus-Paul-Stiftung sind viele unentgeltlich aufgetreten. Da kann man jetzt ein bisschen abspecken, aber das Weihnachtsdorf muss attraktiv bleiben."

Ansonsten ist er vor allem erleichtert, dass es doch weitergeht: "Das war mir eine Herzensangelegenheit – vor allem, dass es Schriesheimer nun übernehmen", erklärt der 79-Jährige, dem es in den letzten Jahren gesundheitlich nicht so gut ging: "Der Akku ist leer.". Er will den Freien Wählern, die von ihm Rat und Tat erhoffen, "nur mit Rat" zur Seite stehen – und rät zur Gelassenheit: "Das Weihnachtsdorf kann sich durchaus steigern, das war auch bei mir so."

Und er versprach, von jetzt an "Stammgast bei Euch" zu sein. Denn das Einzige, was die Freien Wähler direkt von der Markus-Paul-Stiftung übernimmt, ist der Glühwein-Ausschank.

Da die Stiftung auch nicht mehr Veranstalter ist, wird es einen anderen Verwendungszweck für die Erlöse geben – "wenn es überhaupt welche gibt" (Lamprecht): Das übrig gebliebene Geld soll gemeinnützigen Schriesheimer Projekten zugutekommen; das kann eine Schaukel für den Kindergarten genauso sein wie neue Sitzbänke für die Allgemeinheit.

Auch wenn sich erst mal nichts groß ändern soll, liebäugelt Paul immer noch mit einem anderen Standort fürs Weihnachtsdorf: Bekanntlich würde er den Bürgermeister-Rufer-Platz (Unterer Schulhof) dem Rathausvorplatz vorziehen. Doch die Winzergenossenschaft war stets dagegen. Ob das mal so kommt, konnten weder Hartmann noch Lamprecht sagen: "Erst mal wollen wir das Weihnachtsdorf dieses Jahr am alten Standort packen."

Copyright (c) rnz-online
Autor: Rhein-Neckar-Zeitung